Unter dieser Unterschrift ist in der aktuellen Ausgabe (II/2025) des ekor Magazins ein Artikel zum Thema Selbstversorger erschienen, bei dem wir unsere Haltergemeinschaft ebenfalls vorstellen durften.
Im Alltag vergisst man ja manchmal, was für ein Glück es ist, dass man Pferde in Eigenregie halten kann. Oftmals konzentriert man sich zu sehr auf die negativen Aspekte einer Haltergemeinschaft wie zwischenmenschliche Anspannungen, Zäune freischneiden, diverse Reparaturen, abäppeln, Schimmelballen entsorgen, Graukresse zupfen, all die täglichen großen und kleinen Katastrophen. Aber es ist auch ein Privileg, dass man all das entscheiden darf: Muss der Heuballen weg, ab wann füttern wir wieder Heu dazu, welche Weide machen wir auf oder zu, wie schaffen wir der Graukresse Herr zu werden?
Im Austausch mit anderen Pferdehaltern höre ich oft, dass schimmeliges Heu eben nicht entsorgt wird, das eben nichts gegen Graukresse unternommen wird. Im Gegenteil, man muss sogar befürchten, rausgeworfen zu werden, wenn man Kritik äußert. All die Sorgen, die man sich um sein Pferd macht, wenn wieder neue Pferde in die Herde kommen, teilweise mit Eisen hinten und man allen Launen der Stallbetreiber ausgeliefert ist. All die Ängste und Sorgen, das Gefühl der Hilflosigkeit kam mit dem Artikel in der ekor wieder hoch und ich bin so froh, dass wir aktuell unsere Pferde auf zehn Hektar so naturnah wie möglich halten können.
Und natürlich wurde in dem Artikel auch die Verbindung zwischen artgerechter Pferdehaltung und Naturschutz aufgegriffen. Und das ist ja meine Leidenschaft – neben Assan – für den ich all das mache, durchstehe, aushalte – der Gedanke, dass wir auch mit „normalen Hauspferden“ Naturschutz machen können. Wir müssen nur wollen und bestem Beispiel voran gehen.
Heu aus spätem Schnitt kann eine echte Win Win Strategie zwischen artgerechter (Freizeit-) Pferdehaltung und Naturschutz sein. Warum?
Wenn das Heu erst verhältnismäßig spät, also Anfang bis Mitte Juli gemäht wird, steigt die Überlebensrate bei Insekten und am Boden brütende Vogelarten wie beispielsweise beim Braunkehlchen oder der Feldlerche. Außerdem können verschiedene Kräuter und Gräser aussamen, d.h., es werden nicht immer die gleichen Gräser begünstigt und es gibt einen längeren Blühaspekt – oder vielmehr: es gibt überhaupt einen Blühaspekt. Und mit Blütenreichtum = Insektenreichtum können Nahrungsketten im Lebensraum Wiese überhaupt erst entstehen.
Nest einer Feldlerche (10.7.2023)
Heupferd (12.08.2023
Kleiner Feuerfalter (21.06.2023)
Dabei hört man als Naturschützer immer das Argument, dass Landwirte das Heu nicht so spät schneiden können, weil es dann ja keinen Futterwert mehr hat und sie keinen Abnehmer dafür finden würden.
Und hier ist aus meiner Sicht die ideale Verbindung zur Freizeit-pferdehaltung. Denn in der Regel haben wir es ja hier mit adipösen Ponys zu tun, denen spät geschnittenes Heu gut tun würde. Und vor allem sogenannte Robustrassen wie Tinker, Isländer, Fjordpferde etc., aber auch die Iberischen Rassen haben mit Fettleibigkeit zu kämpfen und müssen am Ende wegen Hufrehe ganz aus einer natürlichen Pferdehaltung mit Weidezugang genommen werden. Auf dem Weg dahin gibt es viele (eigentlich schon tierschutzrelevante) Maßnahmen wie dauerhaftes Tragen von Fressbremsen in Verbindung mit engmaschigen Heunetzen, extrem lange Fresspausen oder die Pferde werden mit der Trennung von ihrer Herde und einem Verbleib auf einem langweiligen Paddock gegängelt.
Und an dieser Stelle möchte ich Werbung für spät geschnittenes Heu mit einem geringeren Protein- und Zuckergehalt machen. So zeigt beispielsweise eine Grafik aus Dierschke & Briemle (2008): Kulturgrasland einen ganz einfachen Zusammenhang zwischen Futterwert und Schnittzeitpunkt:
Oder folgendes Zitat aus Meyer & Coenen (2013:115ff): Pferdefütterung: „Mit fortschreitendem Alter der Pflanzen nehmen der Rohfasergehalt zu und damit ihre Verdaulichkeit ab. Der Aufwuchs im Frühjahr, aber auch im Spätsommer (nachwachsendes Grünfutter ab September) und Herbst ist am rohfaserärmsten (mehr Blätter, weniger Stängel), aber am eiweiß- und energiereichsten, während im Sommer bei starker Halmbildung umgekehrte Verhältnisse vorliegen.„
Und dieses Jahr hatten wir nun zum ersten Mal selbst die Gelegenheit Heu aus spätem Schnitt zu beziehen. Neben dem Vorteil, dass die Ballen viel günstiger waren als das „gute Heu“, dass wir schon Anfang Juni bekommen haben, zeigt auch die Futtermittelanalyse beim LKV BB eV., dass der Protein- und Zuckergehalt sowie der Futterwert (ME MJ) beim Heu aus spätem Schnitt geringer sind.
Parameter
Schnitt Ende Mai
Schnitt Anfang Juli
g/kg TS
g/kg OS
g/kg TS
g/kg OS
Trockensubstanz
1000
845
1000
754
Feuchte %
15,5
24,6
Rohasche
38
32
45
34
Rohprotein
95
80
75
57
Rohfaser
301
254
340
256
Zucker
117
99
63
48
Rohfett
20
17
14
10
verdauliches Rohprotein
60
51
43
32
Energieberechnung
je kg TS
je kg OS
je kg TS
je kg OS
umsetzbare Energie in Mega-Joule(ME MJ)
8,0
6,8
7,1
5,4
Futtermittelanalysen beim Landeskontrollverband Berlin-Brandenburg eV.; TS = Trockensubstanz, OS = Originalsubstanz
Wobei neben dem Schnittzeitpunkt auch der Standort und damit die Artenzusammensetzung eine Rolle beim Futterwert spielt. Beim Heu, dass Ende Mai auf einer Glatthaferwiese geschnitten wurde, dominieren Gräser mit hohen Futterwertzahlen wie Glatthafer, Knaulgras, Wiesen-Fuchsschwanz und Wiesen-Rispengras.
Glatthaferwiese, Ende Mai geschnitten
Feuchtwiese, Anfang Juli geschnitten
Das Heu, dass Anfang Juli geschnitten wurde, stammt von seggenreichen Feuchtwiesen auf Naturschutzflächen im Naturpark Westhavelland. Es enthält neben Seggen bzw. Sauergräsern (vermutlich Sumpfsegge, Schlanksegge, behaarte Segge), Straußgras und Landreitgras, die relativ geringe Futterwertzahlen haben. Solche Flächen werden in der Regel aus Naturschutzgründen offen gehalten für Wiesenbrüter, Limikolen oder der Großtrappe und haben deshalb die Auflage, dass sie erst ab Juli gemäht werden dürfen. Ganz ohne Nutzung würden die Lebensräume für diese Arten verschwinden.
Im Naturschutz führen wir manchmal Diskussionen darüber, ob Seggenwiesen früher nur „Streuwiesen“ waren, also für eine Einstreu gemäht wurden. Jeder der einmal selbst mit der Sense gemäht und das Schnittgut geworben hat, wird verstehen, was für ein Unfug das ist. Und folgendes lesen wir bei Theodor Fontane über das Havelländische Luch (1872):
„Die umliegenden Ortschaften versuchten es, dem Luche dadurch einigen Nutzen abzugewinnen, dass sie ihre Kühe darin weiden ließen und das freilich schlechte und saure Gras, so gut es ging, mähten. Beides war nur mit großer Mühseligkeit zu erreichen. Das Vieh musste häufig durch die Lanken schwimmen, um Grasstellen zu finden…. Nur im hohen Sommer und bei trockener Witterung war der größte Teil des Luches zu passieren; dann mähte man das Gras… Unter allen Umständen war das Gras schlecht und eine kümmerliche Nahrung.“
Ich möchte unseren Pferden Heu zur freien Verfügung gewähren und keine Fresszeiten vorgeben oder das Heu in kleinen Netzen portionieren, was wir als Haltergemeinschaft auch gar nicht leisten könnten. Mir gefällt es, dass die Pferde ihren eigenen Tagesrhythmus ausleben und selbst entscheiden können, wann sie fressen und wann sie dösen, spielen, schlafen wollen.
Wer mehr zu diesem spannenden Thema lesen möchte, dem sei die Broschüre Pferd und Heu der VFD empfohlen.