Es ist wunderbar, wenn man Lebensraumstrukturen wie Lesesteinhaufen, Totholzhaufen oder Gehölzinseln angelegt hat und diese von den zu erwartenden Arten auch tatsächlich besiedelt werden. Was für ein Glücksmoment, ein wunderschönes Zauneidechsen-Männchen nebst Weibchen auf dem Steinhaufen zu sehen, den ich vor fünf Jahren angelegt hatte.
Zauneidechsen lassen sich mit der Anlage von Haufwerken aus Steinen und Holz als Unterschlupf und zum sonnenbaden begünstigen. Sie brauchen ein Mosaik aus lockerer und dichter Vegetation, einen grabfähigen Boden zur Eiablage und hinreichend Insekten als Nahrungsquelle.
Wunderbar sind auch sogenannte Benjeshecken oder Totholzhaufen. Sie sind nicht nur Unterschlupf oder Nistmöglichkeit wie beispielsweise für den Neuntöter, sondern in ihnen können sich auch neue Gehölze etablieren. In dem Reisighaufen, der bei uns schon mehr als sechs Jahre liegt, haben sich Holunder, Hundsrose, Roter Hartriegel und Brombeeren etabliert. Sie werden vermutlich mit dem Vogelkot eingetragen und sind sehr gut gegen Verbiss sowie Austrocknung geschützt. Hier ein Bildervergleich der letzten Jahre und Entwicklung eines zunächst nicht so schönen Haufens zu einer wunderbaren Lebensraumstruktur.
Reisighaufen 2020
Reisighaufen 2024
Reisighaufen 2026
Und dieses Jahr ist auch wieder ein Neuntöter-Pärchen eingezogen, was mich ebenfalls sehr erfreut und zeigt, wie einfach es manchmal sein kann, Lebensräume zu schaffen. Solche Haufwerke sind auch gute Überwinterungshabitate für Reptilien, Amphibien, Insekten, Igel oder andere Kleinsäuger.
Und es bietet sich an, das Aufwachsen von Gehölzen zu fördern, beispielsweise durch das Auszäunen von Ecken, „dem Zaun vor dem Zaun“ oder auch durch Auszäunungen innerhalb der Weideflächen zur Förderung von Gehölzinseln oder Solitärbäumen.
In diesen – vor Verbiss geschützten – Bereichen wachsen in der Regel Gehölze von selbst auf. Das können beispielsweise sein:
Weißdorn (Crataegus monogyna)
Schlehe (Prunus spinosa)
Hundsrose (Rosa canina)
Eiche (Quercus robur, Q. petraea)
Roter Hartriegel (Cornus sanguinea)
Holunder (Sambucus nigra)
Das ergibt nicht nur ein schöneres Landschaftsbild, strukturiert die Weideflächen, bietet Windschutz und eine gesunde Knabberei für die Pferde, solche Gebüschinseln oder Hecken bieten vor allem auch Nistmöglichkeiten für Neuntöter, Sperbergrasmücke, Amsel, Nachtigall, Mönchsgrasmücke, Dorngrasmücke etc. Und zur Blütezeit spenden sie Nektar und Pollen für Insekten und im Herbst/Winter Früchte wie beispielsweise Hagebutten für Vögel, aber natürlich auch für unsere Weidetiere – Win Win also.
Wir hatten einen recht harten – naja oder vielleicht seit langem mal wieder normalen Winter? Auf jeden Fall war es für Tierhalter eine Herausforderung, mit anhaltenden Minusgraden, Eisregen und geschlossener Schneedecke umzugehen.
Aber aktuell merkt man, dass die Pferde lieber grasen wollen und wir weniger Heu anbieten müssen. Als es richtig knackig kalt war, musste man zweimal in der Woche zwei Heuballen fahren, aktuell reichen zwei Ballen für sieben Pferde und zwei Kühe über eine Woche. Wenn noch etwas mehr Regen kommen würde, könnte das Gras auch noch besser wachsen und wir könnten das Heu ganz ausschleichen lassen. Laut meinem Regenmesser hatten wir in diesem Jahr bisher nur 66mm. Letztes Jahr war es auch schon mit 68mm zu trocken für diese Jahreszeit. Im Jahr 2023 hatten wir 125mm und im Jahr 2024 122mm, was auch eher im langjährigen Mittel (laut Wetterstation Potsdam) mit 100-130mm für die Monate Januar bis März liegt.
Ich kenne meinen Assan nun seit 2011 und ich weiß ja nun mittleweile, dass er ab März/April kein Heu mehr fressen möchte, er will dann lieber das frische Grün abnagen. Deshalb habe ich vor der Zeit in Glindow viele Stunden mit grasen an der Hand verbracht. Das muss ich nun zwar nicht mehr, dafür hat man natürlich vieles andere zu tun 😉
Und leider haben wir auch in diesem Frühling keinen leichten, unbeschwerten Start in die Weidesaison. Theoretisch können unsere Pferde ganzjährig grasen gehen, das heißt, wir haben eigentlich kein Thema mit an- und abweiden. Aber irgendwas ist ja immer….
Dieses Jahr haben wir eine Ponystute, die mit einer Ataxie (mit unklarer Ursache) in die Klink musste, ohne Befund wieder zurück kam und seperat untergebracht werden muss. Sie steht nun im Unterstand mit einem kleinen Auslauf davor und muss neu angeweidet und in die Herde integriert werden.
Das Problem daran ist außerdem, dass ich die Weiden, auf denen die Ponystute die anderen Pferde nicht mehr sehen würde, schließen musste, damit sie nicht in Panik gerät. Und irgendwann ist der Zeitpunkt erreicht, in dem die nahegelegenen Flächen abgegrast sind und die anderen Pferde wieder angeweidet werden müssten. Eine unklomplizierte Jahreszeit gibt es wohl nicht, aber auch hier werden wir wieder Lösungen finden (müssen), die für alle passen.
Schön und wohltuend sind jedenfalls die ersten warmen Sonnenstrahlen, das Vogelgezwitscher und der Beginn der Blüten bei Wildbirne, Schlehe und Kirschpflaume. Auch die Pappeln haben derzeit schöne, lilafarbende Kätzchen als Blütenstände und die ersten Frühblüher wie Rote Taubnessel, Ehrenpreis oder Lerchensporn erfreuen das Herz.
Der Plan ist für dieses Jahr die Hauptweide wieder nach dem Ausschleichen des Heus komplett zu schließen, wegen der vielen Kothaufen abzuschleppen und Ende Mai/Anfang Juni zu mulchen. Nicht weil ich ein großer Fan des Mulchens wäre, aber um die Graukresse (vor Samenreife) und den Endoparasiten Einhalt zu gebieten. Und wie jedes Jahr wird sich wohl zeigen, dass nichts so beständig ist wie die Planänderung…
Endlich gibt es mal wieder einen richtigen Winter – er ist wunderschön, aber auch herausfordernd.
Interessant finde ich zunächst, dass die Pferde trotz geschlossener Schneedecke weiterhin über alle Weiden laufen und überständige Vegetation abzuppeln. So, wie sie es tun müssten, wenn sie Wildpferde wären und niemand ihnen Heu hinstellt. Ich konnte sogar beobachten, wie sie mit den Hufen oder der Nase den Schnee weg scharren, um an die Vegetation zu kommen. Ansonsten wird beispielsweise meine Lieblingsfeindin – die Kanadische Goldrute – abgezupft und vor allem ihre Samenstände gefressen. Sehr gut!
Bei Assan versuche ich jeden Winter, dass er ohne Decke über die Runden kommt, aber leider ist sein Fell nicht dafür ausgelegt, dass beispielsweise der Schnee darauf liegen bleibt. Bei nasskaltem Schneesturm fängt er dann doch an zu zittern und ich musste ihm eine Decke anziehen. Bei anderen Pferden kann man gut sehen, dass ihnen dieses schruppige Wetter überhaupt nichts anhaben kann. Die Pferde sind gut gelaunt, spielen miteinander, dösen gemeinsam in der Sonne oder windgeschützt an einer Hecke.
Und es ist auffällig, dass sie vielmehr Heu fressen als sonst und ich denke, es liegt nicht nur daran, dass Schnee liegt, sondern weil Heu ihre „Heizung“ ist. Das heißt, durch die Magen-Darm-Tätigkeit entsteht Wärme im Dickdarm, die der Regulierung der Körpertemperatur dient.
Deshalb brauchen Pferde auch mehr Wasser bei diesen Temperaturen, weil Heu keine Feuchtigkeit hat und der Wasserbedarf zur Unterstützung der Verdauung höher ist als sonst. Und da haben wir die wohl größte Herausforderung im Winter – eingefrorene Tränken und Wasserbottiche. Wir haben einen IBC Container, der bis zu einem bestimmten Grad von den Pferden an einer kleinen Stelle offen gehalten wird, aber bei Temperaturen von weniger als -10°C dann doch vollständig zufriert. Und unsere – eigentlich – frostreie Tränke ist leider auch eingefroren (defekt?). Hier haben wir zunächst mit einem zusätzlichen Begleitheizdraht nachgerüstet und ich hoffe, dass das zumindest so lange funktioniert, bis eine neue Tränke eingebaut ist…
Das sind die nervigen Wintermomente, wenn man im Schneesturm Tränken und Zäune reparieren und beim abäppeln jeden angefrorenen Haufen mit dem Spaten lockern muss. Aber der Winter entschädigt auch mit wundervollem Licht, glitzerndem Schnee, einer besonderen Stimmung und Gedämpftheit.
Mittlerweile gibt es schon eine richtige Zeitreihe beim GPS-Tracking der letzten fünf Jahre.
Aber erst einmal steigen wir in den aktuellen Track vom 30.11.2025 ein. Assan hat wieder ein Garmin etrex 10 am Weidehalfter 24h umhergetragen. Er hat dieses Mal eine Strecke von 6,7km zurückgelegt und alle Weiden mindestens einmal besucht. Die folgende Karte zeigt unsere Weiden, die Lage der Tränke, Heuraufen und Unterstand und die GPS-Punkte. Die blaue Linie zeigt den daraus generierten Track, also die von Assan zurückgelegte Strecke.
Es standen acht Hektar zur Verfügung und man kann erkennen, wie Assan über die Flächen mäandriert ist. Desto enger die GPS-Punkte sind, desto langsamer hat er sich vorwärts bewegt, also vermutlich grasend. Zwischen der „Ponderosa“ und der „Hauptweide“ sind die Punkte – entlang der Pappelreihe – weit auseinander gezogen, hier hat er die maximale Geschwindigkeit von 32km/h erreicht, ist also galoppiert.
Die meisten Punkte sind an den Heuraufen und im/am Unterstand. Die folgende Grafik zeigt den Anteil der GPS-Punkte in Bezug auf ihre Lage.
Dabei ist ein Drittel an den Heuraufen und ein weiteres Drittel auf der Hauptwiese. Bei dem Drittel auf der Hauptwiese handelt es sich um Aktivitäten wie grasen, aber auch Dösen in der Nähe der Heuraufen. An der Tränke war er in den 24h zweimal.
Bei der Punktwolke am Unterstand kann es sich um schlafen oder dösen handeln. Aber bei den Punkten auf den Wiesen handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um grasen bei langsamer Fortbewegung. Obwohl die Pferde im Sommer auch oft auf den Weiden schlafen und dösen, verbringen sie im Winter einen Großteil in der Nähe der Heuraufen. Beispielsweise dösen sie gern im Windschutz der Hecke, grasen im näheren Umfeld und bleiben dabei in der Nähe der anderen Herdenmitglieder, die Heu fressen.
Wenn man noch weiter in die Zeiten der jeweiligen GPS-Punkte und ihrer Lage auf den Flächen einsteigt, bestätigt sich einmal mehr, das Pferde einen anderen Rhythmus haben als wir. Sie schlafen nicht 8h am Stück wie wir, es ist eher ein zwei Stunden-Rhythmus mit schlafen, fressen, dösen, fressen. Beispielsweise war Assan von 16:00-18:20 Uhr an der Heuraufe, war dann bis 19:00 Uhr grasen, von 19:00-20:00 Uhr im Unterstand, dann bis 22:20 auf der Skuddenwiese. Von 22:20-23:00 Uhr an der Heuraufe und danach wieder im Unterstand. Gegen Mitternacht hat er überlegt, auf die Jägerwiese zu gehen, kam aber gleich wieder zurück und ist lieber noch einmal auf die Skuddenwiese gegangen. Dann war er von 1:00-3:20 Uhr im Unterstand, war danach bis 4:20 an der Heuraufe, dann noch mal bis kurz vor sieben Uhr morgens im Unterstand und dann eine Stunde auf der Hauptwiese grasen.
Wie auch in den anderen Beiträgen zum GPS-Tracking möchte ich die These aufrecht erhalten, dass die Länge der Laufstrecke vor allem durch die Möglichkeit zum grasen beeinflusst wird. Dabei hat die Größe der Fläche nur indirekt einen Einfluss, d.h. es wird nicht mehr Strecke zurückgelegt, weil größere Flächen zur Verfügung stehen. Entscheidender ist wohl eher, dass durch die extensive Haltungsform auch im Winter noch genügend Futter auf den Weiden vorhanden ist, dass es sich trotz Heu lohnt „umherzutingeln“.
In dem folgenden Diagramm sind die Laufwege in km und die Größe der Flächen in Hektar dargestellt. Beispielsweise war die zurückgelegte Distanz im November 2025 kürzer als im November 2024, obwohl mehr Fläche zur Verfügung stand. Aus meiner Sicht hat die Zufütterung mit Heu den größeren Effekt als die Flächengröße. Denn wenn die Pferde im Sommer kein Heu bekommen, müssen sie sich ihr Futter grasend auf den Flächen zusammen suchen. Die längsten Distanzen mit über 8km waren im August 2023 und im Juli 2021 (ohne Heu) und die kürzesten Distanzen im November 2023 und März 2023 (mit Heu).
Aber auch mit Heu lohnt es sich offenbar für die Pferde auf allen Weiden umher zu laufen und gemäß ihrer Natur zu grasen sowie Laubblätter, Rinde, Früchte etc. zu naschen. Und das geht natürlich nur, wenn genügend Flächen zur Verfügung stehen, dass man es sich leisten kann, dass alle Weiden auch im Winter offen sind ohne sie zu übernutzen. So gesehen hat die Flächengröße doch einen entscheidenden Einfluss auf die Distanzen, die die Pferde zurücklegen. Das was wir also den Pferden bieten können, muss ansonsten mit Trails, Futterstationen, Laufstallkonzepten etc. imitiert werden. Ich bin sehr glücklich, dass wir unseren Pferden diese naturnahe Haltung bieten können.
Eine Hecke als Umrandung von Weiden ist wie ein „lebendiger Zaun“ und bietet viele Vorteile:
Sichtschutz
Windschutz
Vermeidung ungewollter Fütterung
Bruthabitate für Vögel
Unterschlupf für Kleinsäuger
Nahrung für Insekten
Biotopverbund
gesunde Knabberei (z.b. Hagebutten)
Aber nach eigener Erfahrung ist es als Privatperson nicht so einfach gebietsheimische Gehölze zu bekommen, um eine Hecke zu pflanzen. Ich musste dafür nach Bad Liebenwerder zur Baumschule Fürst Pückler fahren, weil das die einzige Baumschule war, die mir gebietsheimische Gehölze anbieten konnte. Und außerdem brauchen gepflanzte Gehölze in den ersten Jahren sehr viel Pflege, also regelmäßige Wässerung und freischneiden.
Eine kostengünstige Alternative dazu ist der „Zaun vor dem Zaun„, d.h. einen Streifen auszäunen, in dem sich Gehölze in Form von Naturverjüngung von selbst etablieren. Wir mussten im Frühjahr 2020 einen zweiten Zaun vor den anderen setzen, weil immer wieder Spaziergänger unsere Pferde gefüttert haben. Außerdem war der alte Holzzaun schon marode, nicht mehr zu erhalten und die Pappeln wurden von den Pferden geschält. Es ist faszinierend und beeindruckend, wie schnell in diesem Streifen eine Gehölzentwicklung stattfindet. Es wachsen unter anderem Eichen, Weißdorn, Roter Hartriegel und Hundsrose auf – viel schneller und vitaler als in der gepflanzten Hecke am Reitplatz.
Der folgende Bildvergleich zeigt, wie schnell eine Hundsrose größer werden konnte seit sie vor Verbiss durch den zweiten Zaun geschützt ist. Bei einer sehr extensiven Beweidung würden Gehölze natürlich auch von allein aufwachsen und mit geringem Verbiss gut klar kommen. Aber wo es sich anbietet, kann man durch so eine einfache Maßnahme wie ein zweite Litze die Etablierung von Hecken fördern.
April 2019
September 2025
Laut Fartmann et al. (Insektensterben in Mitteleuropa) konnten in schleswig-holsteinischen Wallhecken ca. 7000 Tierarten (v.a. Insekten) nachgewiesen werden. Nach Angaben bei Westphal (Hecken – Lebensräume in Garten und Landschaft) wurde folgende Anzahl an Tierarten in Feldhecken gezählt:
45 Säugetiere
50 Vögel
8 Reptilien
7 Amphibien
800 Käfer
115 Schmetterlinge
110 Schlupfwespen
24 Wildbienen
2000 Mücken und Fliegen
86 Wanzen
29 Zikaden
7 Heurschrecken
60 Spinnen
30 Schnecken
Von Gehölzen umrahmte Weideflächen trocknen auch während Dürrephasen nicht so schnell aus wie vom Wind und der Sonne ausgelieferte Vegetationsdecken.
Und auch für die Weidetiere liegen die Vorteile auf der Hand. Sie haben einen Windschutz und können die Bäume und Sträucher über den Zaun beknabbern. Beispielsweise enthalten Hagebutten sehr viel Vitamin C, Mineralstoffe wie Calcium, Magnesium, Natrium, Kalium, Eisen etc., Flavonide, Gerbstoffe und wirken abwehrsteigernd, entzündungshemmend und schmerzlindernd. Oder Weißdorn, der bekannt ist für seine unterstützende Wirkung für das Herz-Kreislauf-System und ebenfalls reich an Mineralstoffen ist.
Aber neben den vielen Vorteilen für den Erhalt der Artenvielfalt sowie für die Weidetiere gibt es aus meiner Sicht noch einen Aspekt von Gehölzen als Umrandung von Weideflächen – das schönere Landschaftsbild:
Unter dieser Unterschrift ist in der aktuellen Ausgabe (II/2025) des ekor Magazins ein Artikel zum Thema Selbstversorger erschienen, bei dem wir unsere Haltergemeinschaft ebenfalls vorstellen durften.
Im Alltag vergisst man ja manchmal, was für ein Glück es ist, dass man Pferde in Eigenregie halten kann. Oftmals konzentriert man sich zu sehr auf die negativen Aspekte einer Haltergemeinschaft wie zwischenmenschliche Anspannungen, Zäune freischneiden, diverse Reparaturen, abäppeln, Schimmelballen entsorgen, Graukresse zupfen, all die täglichen großen und kleinen Katastrophen. Aber es ist auch ein Privileg, dass man all das entscheiden darf: Muss der Heuballen weg, ab wann füttern wir wieder Heu dazu, welche Weide machen wir auf oder zu, wie schaffen wir der Graukresse Herr zu werden?
Im Austausch mit anderen Pferdehaltern höre ich oft, dass schimmeliges Heu eben nicht entsorgt wird, das eben nichts gegen Graukresse unternommen wird. Im Gegenteil, man muss sogar befürchten, rausgeworfen zu werden, wenn man Kritik äußert. All die Sorgen, die man sich um sein Pferd macht, wenn wieder neue Pferde in die Herde kommen, teilweise mit Eisen hinten und man allen Launen der Stallbetreiber ausgeliefert ist. All die Ängste und Sorgen, das Gefühl der Hilflosigkeit kam mit dem Artikel in der ekor wieder hoch und ich bin so froh, dass wir aktuell unsere Pferde auf zehn Hektar so naturnah wie möglich halten können.
Und natürlich wurde in dem Artikel auch die Verbindung zwischen artgerechter Pferdehaltung und Naturschutz aufgegriffen. Und das ist ja meine Leidenschaft – neben Assan – für den ich all das mache, durchstehe, aushalte – der Gedanke, dass wir auch mit „normalen Hauspferden“ Naturschutz machen können. Wir müssen nur wollen und bestem Beispiel voran gehen.
Am 26.05.2025 gibt es ein Live Webinar zum Thema Erhalt der Artenvielfalt durch extensive Beweidung.
Die Veranstaltung wird ermöglicht und organisiert von Celina Skogan.
In dem Webinar soll aufgezeigt werden, warum Beweidung mit großen Pflanzenfressern essenziell für den Erhalt der Artenvielfalt und damit eines der wichtigsten Instrumente im Naturschutz ist. Es wird darum gehen, wie Pferdehaltung gestaltet werden könnte, damit sie auch einen Mehrwert für die Natur hat und gleichzeitig unseren Pferden ein gesundes, artgerechtes Leben bieten kann.
Wie erhalten wir in der Praxis eine struktur- und artenreiche Weidelandschaft – auch auf kleinen Flächen – die ein naturnaher Lebensraum für unsere Pferde ist und dabei Brut- Jagd- und Nahrungshabitate für viele Artengruppen wie Insekten, Vögel, Fledermäuse, Kleinsäuger oder Reptilien generiert?
Welche Mikrohabitate und Landschaftselemente können wir aktiv auf der Pferdeweide fördern und was haben unsere Pferde davon? Und es wird darum gehen, warum eine naturnahe Pferdehaltung nicht teuer und aufwendig sein muss. Es geht eher darum auf teuren Input wie Technik, Dünger, Pestizide etc. zu verzichten und dafür natürliche Prozesse zuzulassen, zu beobachten, zu lernen – von der Natur und dem Pferd als einer Schlüsselart im Ökosystem.
In dem Podcast mit Celina Skogan haben wir viel über die „Grasnarbe des Grauens“ gesprochen, die man vielerorten in der Pferdehaltung sieht. Mit diesem Beitrag möchte ich daran anknüpfen und aufzeigen, wie wir in den letzten fünf Jahren zu einer gesünderen Grasnarbe gekommen sind.
Dafür will ich kurz ausführen, was aus meiner Sicht eine gesunde Grasnarbe ist. Eine Pferdeweide sollte nicht nur ein Auslauf, sondern eine Ernährungsgrundlage sein, damit die Pferde ihrem natürlichen Bedürfnis nach grasen – langsam fortbewegen – grasen nachgehen können. Dabei sollte eine Pferdeweide möglichst arten- und vor allem kräuterreich sein, mit Baumgruppen und Gebüschen, im Idealfall mit trockenen Kuppen, feuchten Senken, eingestreuten Kleingewässern etc. – also eine vielfältige Weidelandschaft.
Das heißt, wenn eine Weide auch Ernährungsgrundlage sein soll, darf sie nicht nur aus einer golfrasenartig abgenagten, öden, viereckigen Fläche bestehen. Denn das ist nicht nur ungesund für unsere Ponys, sondern auch ökologisch völlig wertlos für Artengruppen wie Insekten oder Vögel. Dabei könnten Pferde eine Schlüsselrolle in der Wiederbelebung von Ökosystemen und beim Erhalt der Artenvielfalt einnehmen.
Aber was wir überall sehen, sind zu viele Pferde auf zu kleinen Flächen, traurige Matschpaddocks im Winter, Sandpaddocks im Sommer mit einem Auslauf bzw. einer völlig runtergerockten Grasnarbe des Grauens.
Wenn man die Möglichkeit hat, sollte man Pferde möglichst großzügig auf großen Flächen halten, um eine Übernutzung der Grasnarbe zu vermeiden, ansonsten geht es natürlich nicht ohne die Anlage von Trails oder einer Umtriebsbeweidung.
Wir konnten in den letzten fünf Jahren die übernutzte Hauptweide, auf der nur noch Graukresse gewachsen ist, zu einer blütenreichen Fläche entwickeln. Dafür wurden die Pferde im Sommer von der Fläche genommen, damit sich die Grasnarbe erholen kann. Dadurch hat sich eine bunte Pioniervegetation aus Schafgarbe, Wegwarte, Malve, Rainfarn, Brennessel, Spitzwegerich, Beifuß und vieles mehr eingestellt. Es sind sogar schon die ersten Weißdörner, Schlehen und Rosen aufgewachsen, über die ich mich besonders freue 🙂
Ein Fotovergleich zeigt die Entwicklung der Hauptweide aus zwei verschiedenen Perspektiven. Erreicht wurde die Umwandlung der Grasnarbe des Grauens mit Graukresse hin zu einer verhältnismäßig geschlossenen Grasnarbe mit verschiedenen Kräutern durch Schonung im Sommer, also Pferde runter von der Fläche oder anders gesagt: Umtriebsbeweidung. In den ersten drei Jahren musste die Hauptweide im Sommer noch gemulcht werden, um die Graukresse in den Griff zu bekommen und vor allem an der Aussamung zu hindern. Davon abgesehen wurden keine weiteren Maßnahmen wie beispielsweise eine Neuansaat ergriffen. Und erst seit wir auf das Mulchen verzichten können, etablieren sich auch Gehölze wie die Hundsrose.
2019
2023
2024
2019
2021
2024
Und auch auf den Luftbildern bei Google Earth kann man die Entwicklung in der Zeitreihe sehen. Die Hauptweide wurde zunächst als Trail angelegt, den wir jedoch abbauen konnten, da wir genug Weiden zum Ausweichen haben und es schlicht nicht mehr notwendig war.
2018
2021
2024
Und in diesem Jahr wollen wir etwas neues ausprobieren – weg von der Umtriebsbeweidung – hin zu einer extensiven Ganzjahresbeweidung. Mein langfristiges Ziel ist dabei aus der Pioniervegetation ein artenreiches Grünland zu entwickeln, dass dann auch eine gesunde Grasnarbe für unsere Pferde sein kann.
„Pferdehaltung wird in der Regel als nicht besonders Umweltfreundlich eingestuft. Dass das nicht so sein muss, erzählt uns heute Ninett Hirsch, die sich mit dem Thema Landschaftsnutzung und Naturschutz auseinandersetzt. Wie Pferdehaltung eine Chance sein kann, Artenvielfalt eine Chance zu geben und wie auch unsere Pferde und unsere Flächen davon profitieren, besprechen wir heute bei Horsefriends.“
Im Winter hat man das Gefühl, dass die Pferde nur noch an der Heuraufe stehen. Aber mit Hilfe von GPS Tracking zeigt sich, dass sie durchaus umherlaufen und auf den Weiden grasen gehen, wenn sie die Möglichkeit haben.
Für das GPS Tracking habe ich Assan mit einem Garmin etrex 10 für 24 h an einem Weidehalfter ausgestattet. Es wurden insgesamt 4587 Punkte gesendet, die eine Laufstrecke von 7,5km ergeben. Dabei standen drei Weideflächen mit insgesamt 4,7 Hektar zur Verfügung. Beeinflusst sind die Daten sicherlich durch die TCM-Kräutermischung, die Assan schon in Vorbereitung auf Silvester bekommen hat, so dass er insgesamt ruhiger ist, also vermutlich weniger spielt und umherrennt. Außerdem war das Heu morgens leer, so dass die Pferde vermutlich mehr grasen gegangen sind, als sie es mit vollen Heuraufen getan hätten.
Die folgende Karte zeigt die GPS Punkte und die zurückgelegte Strecke. Desto enger die Punkte sind, desto langsamer war die Bewegung wie beim grasen oder an der Heuraufe und desto weiter die Punkte auseinander sind, desto schneller war die Bewegung. Es gab zwei Spitzen mit ca. 30km/h, dabei ist Assan von der Fuchs- und Skuddenwiese jeweils zurück in Richtung der Heuraufen galoppiert. An der Tränke sind nur fünf Punkte in der Zeit gegen 18:30, d.h. er war in den 24h nur einmal saufen.
Die meisten Punkte sind an den Heuraufen und im direkten Umfeld der Heuraufen. Zusammen genommen sind es ca. 2040 GPS-Punkte, das entspricht 45% der Zeit und gleichzeitg auch unserer Wahrnehmung von Pferden im Winter – fressen, dösen, wieder fressen, dösen – fast so wie wir zu Weihnachten 😉
Die Punkte im und am Unterstand entsprechen vermutlich ebenfalls dösen, wobei Assan am liebsten windgeschützt, östlich vom Unterstand steht. Stroh in Mähne und Schweif verraten mir jedoch, dass er sich anscheinend auch in den Unterstand zum schlafen und/oder ruhen legt. Im Umfeld des Unterstandes waren es 580 GPS Punkte, das entspricht ca. 13% des Tages.
Direkt an der Heuraufe waren es ca. 1150 Punkte, was einem Anteil von 25% entspricht und vermutlich Heu fressen bedeutet. Es ist ja landläufig bekannt, dass Pferde einen Großteil des Tages mit fressen verbringen (müssen). Laut Zeitler-Feicht (2015:78) – Handbuch Pferdeverhalten verbringen „sowohl verwilderte Pferde in freier Natur als auch Weidepferde etwa zehn bis 18 Stunden des 24-Stunden-Tages mit der Nahrungsaufnahme (im Durchschnitt 12,5 Stunden).“ Bei einem Anteil von 25% an den Heuraufen entspricht das sechs Stunden. Dabei wurde in mehreren Phasen an der Heuraufe verweilt: 13:00-15:30, 16:10-18:30, 20:00-20:20, 22:00-00:30, 7:00-7:30, 10:40-13:00. Um 10:40 wurden die Heuraufen aufgefüllt und um 13:00 das GPS Tracking beendet.
Den größten Anteil mit ca. 43% nehmen die GPS-Punkte ein, die auf den Weiden verstreut sind und keiner Infrastruktur wie Heuraufe, Unterstand oder Tränke zugeordnet werden können und vermutlich hauptsächlich der Aktivität grasen entsprechen. Davon waren allein 840 GPS Punkte (18%) auf der Skuddenwiese, in mehreren Zeitfenstern von ca. 18:30-19:00, 1:10-3:00, 5:20-6:00, 9:20-10:30. Auf der Fuchswiese war Assan in der Zeit von ca. 6:00-7:10 Uhr morgens.
Wie schon in den anderen Beiträgen zum GPS Tracking aufgezeigt, ist grasen die größte Motivation zur Bewegung. Mit 24/7 Heuzufütterung bewegen sich die Pferde hauptsächlich zwischen Unterstand, Tränke und den Heuraufen, wobei sie kaum Strecke zurück legen. Aber das ist natürlich jammern auf hohem Niveau – denn ich bin ja sehr froh, dass wir unseren Pferden überhaupt Weidegang im Winter ermöglichen können.
Es gibt ein neues, wunderbares Buch von Dr. Renate Vanselow, das aufzeigt warum „Gehölze ein unverzichtbarer Bestandteil der Weidetierhaltung“ sind.
Mit einem historischen Exkurs nimmt uns die Autorin mit in die Zeit der großen Pflanzenfresser die einst unsere Landschaft mitgestaltet haben wie Riesenhirsch, Auerochse, Wisent, Wildpferd & co. Damit wir zunächst verstehen, warum so viele Arten an halboffene Weidelandschaften angepasst sind und wie später Nutztiere entsprechende Schlüsselfunktionen im Ökosystem übernommen haben:
„Das Ökosystem Fraßsavanne konnte so naturnah Jahrtausende lang überdauern. Die Gärtner, also die fressenden Tiere, waren vom Menschen einfach nur ausgetauscht worden. Die Weidelandschaft blieb das artenreiche, verbuschte Mosaik aus kurzgefressenem Rasen, staudenreichen Wiesen, einzeln stehenden Schirmbäumen, Gebüschen und Wäldern unzugänglicher Orte, durchzogen von Trampelpfaden.„
Und sie erklärt warum gleichzeitig Weidetiere, insbesondere auch Pferde an halboffene Weidelandschaften angepasst sind: „… im Laubfutter finden sie Mineralfutter, ihre natürliche Apotheke, den Witterungsschutz, Sichtschutz für Ruhezonen, während in den Gehölzen die Insektenfresser zur Tilgung ihrer Parasiten heranwachsen.“
Gehölze sind nicht zuletzt mineralreiches Zusatzfutter. Bereits geringe Mengen an Laub können den Bedarf an Kalzium, Magnesium, Kalium und Natrium decken, denn viele Gehölze sind (wie Kräuter ja auch) zugleich Heil- und Giftpflanze. Die Autorin listet dabei die Wirkungen der verschiedenen Gehölze und ihre Gehalte an Mineralien auf und erklärt, dass wie immer die Dosis das Gift macht.
„Der beste Schutz gegen Viehvergiftungen ist auch der beste Schutz gegen Ausbrüche aus Viehweiden: ein ausreichendes Futterangebot.“
Das heißt, Vielfalt auf der Weide ist der beste Schutz vor Vergiftung, Futter ist der beste Zaun und der zweitbeste Zaun ist eine zusätzliche Hecke. Und so wird ausführlich die kulturhistorische Entstehung und besondere Bedeutung der Hecken und Wallhecken (Knicks) für die Artenvielfalt, als „lebendige Zäune und Apotheke der Natur“ beschrieben. Ursprünglich angelegt, um kleine Ackerschläge vor dem Weidevieh zu schützen, später, um die Weidetiere darin zu halten. Hier eine schöne Beschreibung aus dem Jahr 1932 über die Knicks in Schlwesig-Holstein:
„… die Tiere fressen sich wohl auch an den mancherlei bitteren Kräutern und Blättern, die der Knick bietet, bei Krankheiten wieder gesund.„
Leider sind solche Strukturen und Landschaftselemente vielerorts der Flurbereinigung zum Opfer gefallen. Deshalb wird es Zeit, wieder mehr Gehölze in unsere Kulturlandschaft zu bringen. Und dafür gibt es ein ganzes Kapitel mit Praxistipps für die Pferdehaltung, wie man wieder Gehölze auf Viehweiden etablieren kann, was man dabei hinsichtlich der Grünlandprämien, der Auswahl der Gehölze oder dem Schutz und der Pflege beachten sollte.
Es wird außerdem dargestellt, warum die Intensivierung, Überdüngung und Artenverarmung des modernen Grünlandes unsere Pferde krank macht und warum das rasante Artensterben unweigerlich mit der Trennung von Wald und Weide, der Flurbereinigung und Intensivierung der Landwirtschaft zusammenhängt.
Mit diesem Buch wird einmal mehr deutlich, das Pferdehalter nicht nur die Verantwortung für eine artgerechte Haltung, Gesundheiterhaltung und dem Wohlbefinden unserer geliebten Vierbeiner tragen, sondern auch für den Erhalt der Biodiversität. Denn es gibt sonst kaum noch Weidetiere in der Landschaft, die Schlüsselfunktionen im Ökosystem übernehmen können. Und hier gibt uns die Autorin viele Anregungen und Tipps auf den Weg, wie wir unserer Verantwortung gerecht werden, für unsere Pferde und für die Natur.
Und hier noch zwei Auszüge aus dem Buch Pferd und Gehölz mit freundlicher Genehmigung des Starke Pferde Verlages:
Dieser Blog enthält mittlerweile viele Einträge zur Themenwelt Artenvielfalt, Weidepflege, Insektenschutz etc., aber noch keine Gedanken zur Frage:
Was ist eigentlich eine artgerechte Pferdehaltung?
Anlass, das nachzuholen, ist das Buch von Marlitt Wendt: Die Rechte der Pferde – Ein Plädoyer für Tierwohl und Ethik.
Zunächst stellt die Autorin klar, dass es einen Unterschied zwischen „natürlich“ und „artgerecht“ gibt, weil die Natur keine Tierhaltung vorgesehen hat und wir nicht die Möglichkeit haben, „unserem Pferd seine eigene kleine Wildnis zu schaffen„.
Es gibt zwar Beweidungsprojekte im Sinne des Naturschutzes mit naturnaher Haltung von Pferden, Rindern und Wasserbüffeln auf großen Flächen (d.h. >100 Hektar) und einer vielfältigen Lebensraumausstattung aus Weiderasen, Hochstaudenfluren, Feuchtwiesen, Trockenrasen, Gebüschen, Gewässer, Wald usw., wie beispielsweise in der Döberitzer Heide oder auf den ehemaligen Rieselfeldern in Hobrechtsfelde:
Aber die „normale“ Pferdehaltung ist doch meist eher trostlos, ein fremdgesteuertes Pferdeleben mit vorgegebenen Fresszeiten, auf vegetationslosen Paddocks oder maximal reizarme, viereckige Weiden. Die einzige Abwechslung ist ein ständiges Rein, Raus neuer Pferde mit all den verbundenen Verletzungen, seelisch und körperlich …
Seit ich vor 13 Jahren in dem Beweidungsprojekt Hobrechtsfelde gearbeitet und zeitgleich selbst ein Pferd gekauft habe, ist es deshalb mein Traum, die extensive Beweidung großer Flächen und einer (aus meiner Sicht) artgerechten Pferdehaltung zu verbinden. Denn wir haben auf der einen Seite wahnsinnig viele Reiterhöfe mit zu vielen Pferden auf zu wenig Fläche und auf der anderen Seite die Erfordernisse zur extensiven Beweidung, um die Artenvielfalt zu erhalten.
Und da gebe ich der Autorin absolut recht, wenn wir schon Pferde halten wollen – allein um unsere Bedürfnisse nach Erfolg, Partner-Ersatz, Geltung, Followern oder was auch immer zu befriedigen – sollten es unsere geliebten Vierbeiner dann nicht so gut wie möglich haben? Denn wir brauchen Pferde ja nicht mehr vor dem Pflug, vor der Kutsche oder als Transportmittel. (An dieser Stelle sei auch gleich noch das Buch von Ulrich Raulff:Das letzte Jahrhundert der Pferde empfohlen.)
Und hier nähert Sie sich dem Thema über die Leitlinien zur Pferdehaltung sowie dem Tierschutzgesetz und interpretiert, was das für Pferde bedeutet bzw. bedeuten sollte. Beispiehaft ein Auszug aus dem TierSchG:
§1
Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen.Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.
§2
Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat,
muss das Tier seiner Art undseinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen,
darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden,
muss über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.
Freedom from hunger or thirst by ready access to fresh water and a diet to maintain full health and vigour
Freedom from discomfort by providing an appropriate environment including shelter and a comfortable resting area
Freedom from pain, injury or disease by prevention or rapid diagnosis and treatment
Freedom to express (most) normal behaviour by providing sufficient space, proper facilities and company of the animal’s own kind
Freedom from fear and distress by ensuring conditions and treatment which avoid mental suffering
Ich finde es lohnt sich, über alle Punkte in Ruhe nachzudenken und mit der Lebenssituation des eigenen Pferdes abzugleichen. Kann ich all diese Freiheiten, auch die Freiheit von Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten gewährleisten? Wir wissen, wie schwierig es sein kann, Lahmheiten bei Pferden zu entdecken oder Schmerzen, beispielsweise Zahnschmerzen zu bemerken etc. Auch die Freiheit von Angst und Leiden, ist es fair, mit dem Pferd allein auszureiten, wenn es nicht daran gewöhnt wird und dem Menschen nicht vertraut? Wenn es Trennungsangst hat, beim Umzug, Wochenendkurs, Turnier etc.? Ist es fair, bei der Ausbildung des Pferdes grob und ungeduldig zu werden, weil man selbst Fortschritte machen möchte?
Und ich weiß auch, wie sehr man in einem Pensionsbetrieb ausgesetzt sein kann, wenn sich beispielsweise Rahmenbedingungen nach dem Einzug ändern. Will man dann jedes Mal dem Pferd einen Umzug zumuten oder soll das Pferd alles aushalten und ertragen? Müssen wir alles aushalten und ertragen? Wir müssen auf jeden Fall ständig entscheiden, was schlimmer ist, Matschpaddock, schimmliges Heu, Giftpflanzen oder ein Umzug?
Ehrlich gesagt, musste ich bei der Interpretation der Autorin der Five Freedoms ziemlich schlucken und über vieles nachdenken. Leider auch darüber, dass unsere Haltungsform nicht für alle Pferde geeignet ist und Pferde wegen Hufrehe ausziehen mussten. Es ist nicht immer alles so, wie man sich das wünscht oder sich gedacht hat und vieles hat man schlichtweg nicht in der Hand.
Dabei macht die Autorin weiterhin klar, dass es aus ihrer Sicht nicht ausreichend ist, dass Pferde keine Schmerzen haben, ihnen kein Leid zugefügt wird und sie vernünftig versorgt werden, sie geht noch einen Schritt weiter:
„Vielmehr bedeutet Wohlbefinden sowohl Abwesenheit von Leid und Krankheit als auch einen Zustand, der geprägt ist von positiven Gefühlen, Sicherheit und der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Wohlbefinden bedeutet, dass unser Pferd in möglichst vielen oder gar sämtlichen Lebensbereichen Wahlmöglichkeiten hat. Es muss selbst entscheiden können, ob es den Schatten aufsucht oder sich der Sonne zuwendet, es soll sich von einzelnen Pferden distanzieren und andere gezielt aufsuchen können oder jederzeit seinen Durst mit frischem sauberen Wasser stillen können.
Eine Vielfalt an Wahlmöglichkeiten bedeutet für das Pferd das Erleben der so wichtigen Selbstwirksamkeit. Es erfährt, in der Lage zu sein, seinen eigenen Zustand positiv zu verändern. Es lernt so, dass es sein Leben aktiv steuern kann und nicht immer wieder hilflos unabänderbaren Situationen gegenübersteht.“
Diese beiden Absätze haben mich dann wieder in unserer Art der Pferdehaltung bestätigt, auch wenn sie nicht für alle Pferde geeignet ist. Unsere Pferde können jederzeit selbstbestimmt fressen, dösen, schlafen, spielen, erkunden. Wir haben keine vorgegebenen Laufwege in Form von „Trail-Labyrinthen“, keine Fresszeiten oder sogar Futterautomaten, um das zu imitieren, was in der Natur der Pferde liegt: Langsame Nahrungsaufnahme über den Tag und die Wegstrecke verteilt in Form von Grasen 😉
Und noch eine schöne Empfehlung von Marlitt Wendt:
Jeder sollte bei sich selbst anfangen, Gutes zu tun und zu verbessern, was man selbst in der Hand hat. Es wäre schön, wenn wir aufhören könnten, mit dem Finger auf andere zu zeigen und stattdessen anfangen könnten freundlich zu sein. Freundlich zu uns selbst, freundlich zu unseren Stallkollegen, unseren Mitmenschen und allen Tieren.