Heu aus spätem Schnitt

Heu aus spätem Schnitt kann eine echte Win Win Strategie zwischen artgerechter (Freizeit-) Pferdehaltung und Naturschutz sein. Warum?

Wenn das Heu erst verhältnismäßig spät, also Anfang bis Mitte Juli gemäht wird, steigt die Überlebensrate bei Insekten und am Boden brütende Vogelarten wie beispielsweise beim Braunkehlchen oder der Feldlerche. Außerdem können verschiedene Kräuter und Gräser aussamen, d.h., es werden nicht immer die gleichen Gräser begünstigt und es gibt einen längeren Blühaspekt – oder vielmehr: es gibt überhaupt einen Blühaspekt. Und mit Blütenreichtum = Insektenreichtum können Nahrungsketten im Lebensraum Wiese überhaupt erst entstehen.

Nest einer Feldlerche (10.7.2023)
Heupferd (12.08.2023
Kleiner Feuerfalter (21.06.2023)

Dabei hört man als Naturschützer immer das Argument, dass Landwirte das Heu nicht so spät schneiden können, weil es dann ja keinen Futterwert mehr hat und sie keinen Abnehmer dafür finden würden.

Und hier ist aus meiner Sicht die ideale Verbindung zur Freizeit-pferdehaltung. Denn in der Regel haben wir es ja hier mit adipösen Ponys zu tun, denen spät geschnittenes Heu gut tun würde. Und vor allem sogenannte Robustrassen wie Tinker, Isländer, Fjordpferde etc., aber auch die Iberischen Rassen haben mit Fettleibigkeit zu kämpfen und müssen am Ende wegen Hufrehe ganz aus einer natürlichen Pferdehaltung mit Weidezugang genommen werden. Auf dem Weg dahin gibt es viele (eigentlich schon tierschutzrelevante) Maßnahmen wie dauerhaftes Tragen von Fressbremsen in Verbindung mit engmaschigen Heunetzen, extrem lange Fresspausen oder die Pferde werden mit der Trennung von ihrer Herde und einem Verbleib auf einem langweiligen Paddock gegängelt.

Und an dieser Stelle möchte ich Werbung für spät geschnittenes Heu mit einem geringeren Protein- und Zuckergehalt machen. So zeigt beispielsweise eine Grafik aus Dierschke & Briemle (2008): Kulturgrasland einen ganz einfachen Zusammenhang zwischen Futterwert und Schnittzeitpunkt:

Oder folgendes Zitat aus Meyer & Coenen (2013:115ff): Pferdefütterung: „Mit fortschreitendem Alter der Pflanzen nehmen der Rohfasergehalt zu und damit ihre Verdaulichkeit ab. Der Aufwuchs im Frühjahr, aber auch im Spätsommer (nachwachsendes Grünfutter ab September) und Herbst ist am rohfaserärmsten (mehr Blätter, weniger Stängel), aber am eiweiß- und energiereichsten, während im Sommer bei starker Halmbildung umgekehrte Verhältnisse vorliegen.

Und dieses Jahr hatten wir nun zum ersten Mal selbst die Gelegenheit Heu aus spätem Schnitt zu beziehen. Neben dem Vorteil, dass die Ballen viel günstiger waren als das „gute Heu“, dass wir schon Anfang Juni bekommen haben, zeigt auch die Futtermittelanalyse beim LKV BB eV., dass der Protein- und Zuckergehalt sowie der Futterwert (ME MJ) beim Heu aus spätem Schnitt geringer sind.

ParameterSchnitt Ende MaiSchnitt Anfang Juli
g/kg TSg/kg OSg/kg TSg/kg OS
Trockensubstanz10008451000754
Feuchte % 15,5 24,6
Rohasche38324534
Rohprotein95807557
Rohfaser301254340256
Zucker117996348
Rohfett20171410
verdauliches Rohprotein60514332
Energieberechnungje kg TSje kg OSje kg TSje kg OS
umsetzbare Energie in Mega-Joule (ME MJ)8,06,87,15,4
Futtermittelanalysen beim Landeskontrollverband Berlin-Brandenburg eV.;
TS = Trockensubstanz, OS = Originalsubstanz

Wobei neben dem Schnittzeitpunkt auch der Standort und damit die Artenzusammensetzung eine Rolle beim Futterwert spielt. Beim Heu, dass Ende Mai auf einer Glatthaferwiese geschnitten wurde, dominieren Gräser mit hohen Futterwertzahlen wie Glatthafer, Knaulgras, Wiesen-Fuchsschwanz und Wiesen-Rispengras.

Glatthaferwiese, Ende Mai geschnitten
Feuchtwiese, Anfang Juli geschnitten

Das Heu, dass Anfang Juli geschnitten wurde, stammt von seggenreichen Feuchtwiesen auf Naturschutzflächen im Naturpark Westhavelland. Es enthält neben Seggen bzw. Sauergräsern (vermutlich Sumpfsegge, Schlanksegge, behaarte Segge), Straußgras und Landreitgras, die relativ geringe Futterwertzahlen haben. Solche Flächen werden in der Regel aus Naturschutzgründen offen gehalten für Wiesenbrüter, Limikolen oder der Großtrappe und haben deshalb die Auflage, dass sie erst ab Juli gemäht werden dürfen. Ganz ohne Nutzung würden die Lebensräume für diese Arten verschwinden.

Im Naturschutz führen wir manchmal Diskussionen darüber, ob Seggenwiesen früher nur „Streuwiesen“ waren, also für eine Einstreu gemäht wurden. Jeder der einmal selbst mit der Sense gemäht und das Schnittgut geworben hat, wird verstehen, was für ein Unfug das ist. Und folgendes lesen wir bei Theodor Fontane über das Havelländische Luch (1872):

Die umliegenden Ortschaften versuchten es, dem Luche dadurch einigen Nutzen abzugewinnen, dass sie ihre Kühe darin weiden ließen und das freilich schlechte und saure Gras, so gut es ging, mähten. Beides war nur mit großer Mühseligkeit zu erreichen. Das Vieh musste häufig durch die Lanken schwimmen, um Grasstellen zu finden…. Nur im hohen Sommer und bei trockener Witterung war der größte Teil des Luches zu passieren; dann mähte man das Gras… Unter allen Umständen war das Gras schlecht und eine kümmerliche Nahrung.“

Ich möchte unseren Pferden Heu zur freien Verfügung gewähren und keine Fresszeiten vorgeben oder das Heu in kleinen Netzen portionieren, was wir als Haltergemeinschaft auch gar nicht leisten könnten. Mir gefällt es, dass die Pferde ihren eigenen Tagesrhythmus ausleben und selbst entscheiden können, wann sie fressen und wann sie dösen, spielen, schlafen wollen.

Wer mehr zu diesem spannenden Thema lesen möchte, dem sei die Broschüre Pferd und Heu der VFD empfohlen.

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