Dieser Blog enthält mittlerweile viele Einträge zur Themenwelt Artenvielfalt, Weidepflege, Insektenschutz etc., aber noch keine Gedanken zur Frage:
Was ist eigentlich eine artgerechte Pferdehaltung?
Anlass, das nachzuholen, ist das Buch von Marlitt Wendt: Die Rechte der Pferde – Ein Plädoyer für Tierwohl und Ethik.

Zunächst stellt die Autorin klar, dass es einen Unterschied zwischen „natürlich“ und „artgerecht“ gibt, weil die Natur keine Tierhaltung vorgesehen hat und wir nicht die Möglichkeit haben, „unserem Pferd seine eigene kleine Wildnis zu schaffen„.
Es gibt zwar Beweidungsprojekte im Sinne des Naturschutzes mit naturnaher Haltung von Pferden, Rindern und Wasserbüffeln auf großen Flächen (d.h. >100 Hektar) und einer vielfältigen Lebensraumausstattung aus Weiderasen, Hochstaudenfluren, Feuchtwiesen, Trockenrasen, Gebüschen, Gewässer, Wald usw., wie beispielsweise in der Döberitzer Heide oder auf den ehemaligen Rieselfeldern in Hobrechtsfelde:




Aber die „normale“ Pferdehaltung ist doch meist eher trostlos, ein fremdgesteuertes Pferdeleben mit vorgegebenen Fresszeiten, auf vegetationslosen Paddocks oder maximal reizarme, viereckige Weiden. Die einzige Abwechslung ist ein ständiges Rein, Raus neuer Pferde mit all den verbundenen Verletzungen, seelisch und körperlich …
Seit ich vor 13 Jahren in dem Beweidungsprojekt Hobrechtsfelde gearbeitet und zeitgleich selbst ein Pferd gekauft habe, ist es deshalb mein Traum, die extensive Beweidung großer Flächen und einer (aus meiner Sicht) artgerechten Pferdehaltung zu verbinden. Denn wir haben auf der einen Seite wahnsinnig viele Reiterhöfe mit zu vielen Pferden auf zu wenig Fläche und auf der anderen Seite die Erfordernisse zur extensiven Beweidung, um die Artenvielfalt zu erhalten.
Und da gebe ich der Autorin absolut recht, wenn wir schon Pferde halten wollen – allein um unsere Bedürfnisse nach Erfolg, Partner-Ersatz, Geltung, Followern oder was auch immer zu befriedigen – sollten es unsere geliebten Vierbeiner dann nicht so gut wie möglich haben? Denn wir brauchen Pferde ja nicht mehr vor dem Pflug, vor der Kutsche oder als Transportmittel. (An dieser Stelle sei auch gleich noch das Buch von Ulrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde empfohlen.)
Und hier nähert Sie sich dem Thema über die Leitlinien zur Pferdehaltung sowie dem Tierschutzgesetz und interpretiert, was das für Pferde bedeutet bzw. bedeuten sollte. Beispiehaft ein Auszug aus dem TierSchG:
§1
Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.
§2
Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat,
- muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen,
- darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden,
- muss über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.
Und sie setzt sich mit den Five Freedoms des Farm Animal Welfare Committee auseinander:
- Freedom from hunger or thirst by ready access to fresh water and a diet to maintain full health and vigour
- Freedom from discomfort by providing an appropriate environment including shelter and a comfortable resting area
- Freedom from pain, injury or disease by prevention or rapid diagnosis and treatment
- Freedom to express (most) normal behaviour by providing sufficient space, proper facilities and company of the animal’s own kind
- Freedom from fear and distress by ensuring conditions and treatment which avoid mental suffering
Ich finde es lohnt sich, über alle Punkte in Ruhe nachzudenken und mit der Lebenssituation des eigenen Pferdes abzugleichen. Kann ich all diese Freiheiten, auch die Freiheit von Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten gewährleisten? Wir wissen, wie schwierig es sein kann, Lahmheiten bei Pferden zu entdecken oder Schmerzen, beispielsweise Zahnschmerzen zu bemerken etc. Auch die Freiheit von Angst und Leiden, ist es fair, mit dem Pferd allein auszureiten, wenn es nicht daran gewöhnt wird und dem Menschen nicht vertraut? Wenn es Trennungsangst hat, beim Umzug, Wochenendkurs, Turnier etc.? Ist es fair, bei der Ausbildung des Pferdes grob und ungeduldig zu werden, weil man selbst Fortschritte machen möchte?
Und ich weiß auch, wie sehr man in einem Pensionsbetrieb ausgesetzt sein kann, wenn sich beispielsweise Rahmenbedingungen nach dem Einzug ändern. Will man dann jedes Mal dem Pferd einen Umzug zumuten oder soll das Pferd alles aushalten und ertragen? Müssen wir alles aushalten und ertragen? Wir müssen auf jeden Fall ständig entscheiden, was schlimmer ist, Matschpaddock, schimmliges Heu, Giftpflanzen oder ein Umzug?
Ehrlich gesagt, musste ich bei der Interpretation der Autorin der Five Freedoms ziemlich schlucken und über vieles nachdenken. Leider auch darüber, dass unsere Haltungsform nicht für alle Pferde geeignet ist und Pferde wegen Hufrehe ausziehen mussten. Es ist nicht immer alles so, wie man sich das wünscht oder sich gedacht hat und vieles hat man schlichtweg nicht in der Hand.
Dabei macht die Autorin weiterhin klar, dass es aus ihrer Sicht nicht ausreichend ist, dass Pferde keine Schmerzen haben, ihnen kein Leid zugefügt wird und sie vernünftig versorgt werden, sie geht noch einen Schritt weiter:
„Vielmehr bedeutet Wohlbefinden sowohl Abwesenheit von Leid und Krankheit als auch einen Zustand, der geprägt ist von positiven Gefühlen, Sicherheit und der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Wohlbefinden bedeutet, dass unser Pferd in möglichst vielen oder gar sämtlichen Lebensbereichen Wahlmöglichkeiten hat. Es muss selbst entscheiden können, ob es den Schatten aufsucht oder sich der Sonne zuwendet, es soll sich von einzelnen Pferden distanzieren und andere gezielt aufsuchen können oder jederzeit seinen Durst mit frischem sauberen Wasser stillen können.
Eine Vielfalt an Wahlmöglichkeiten bedeutet für das Pferd das Erleben der so wichtigen Selbstwirksamkeit. Es erfährt, in der Lage zu sein, seinen eigenen Zustand positiv zu verändern. Es lernt so, dass es sein Leben aktiv steuern kann und nicht immer wieder hilflos unabänderbaren Situationen gegenübersteht.“



Diese beiden Absätze haben mich dann wieder in unserer Art der Pferdehaltung bestätigt, auch wenn sie nicht für alle Pferde geeignet ist. Unsere Pferde können jederzeit selbstbestimmt fressen, dösen, schlafen, spielen, erkunden. Wir haben keine vorgegebenen Laufwege in Form von „Trail-Labyrinthen“, keine Fresszeiten oder sogar Futterautomaten, um das zu imitieren, was in der Natur der Pferde liegt: Langsame Nahrungsaufnahme über den Tag und die Wegstrecke verteilt in Form von Grasen 😉



Und noch eine schöne Empfehlung von Marlitt Wendt:
Jeder sollte bei sich selbst anfangen, Gutes zu tun und zu verbessern, was man selbst in der Hand hat. Es wäre schön, wenn wir aufhören könnten, mit dem Finger auf andere zu zeigen und stattdessen anfangen könnten freundlich zu sein. Freundlich zu uns selbst, freundlich zu unseren Stallkollegen, unseren Mitmenschen und allen Tieren.

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