Eine der Ursachen für den rasanten Artenschwund und dem Verlust der Biodiversität ist die Eutrophierung, also die Überdüngung der Landschaft. Neben dem aktiven Ausbringen von Mineraldünger und Gülle haben wir es mit immensen Nährstoff-Frachten und Stickstoffeinträgen aus der Luft zu tun. Diese Stickstoff-Depositionen kommen aus den Überschüssen der Landwirtschaft und der Verbrennung fossiler Energien (Verkehr, Industrie). In unserer Region entspricht der Eintrag aus der Luft nach dem Umweltbundesamt ca. 20-30kg Stickstoff pro Hektar und Jahr…
Und wer sich die Rote Liste der Pflanzen anschaut, wird feststellen, dass vor allem Arten gefährdet sind, die auf nährstoffarmen Standorten vorkommen. Wie beispielsweise die Wiesen- oder Kuhschelle (Pulsatilla pratensis), die heute in Brandenburg auf wenige reliktische, verinselte Vorkommen begrenzt ist und sich nicht mehr ausbreiten oder genetisch austauschen kann. Die Kuhschelle ist quasi unser Breitmaulnashorn – es gibt nur noch wenig Individuen, die lokal sehr begrenzt vorkommen, überaltert, anscheinend auch unfruchtbar (?) sind und in botanischen Gärten oder an einigen Sonderstandorten beim Aussterben begleitet werden.
Ernst Klapp zählte die Wiesen-Küchenschelle hingegen zu den wichtigsten Kenn- und Zeigerarten der basen- und kalkreichen Trockenrasen, wobei er sich „auf die häufigeren und gleichwohl charakteristischen Arten“ beschränkt hat (Klapp [1954], Wiesen und Weiden). Zu diesen Kennarten zählte er auch Großes Schillergras (Koeleria pyramidata), Taubenskabiose (Scabiosa columbaria), Skabiosen-Flockenblume (Centaurea scabiosa), Stengellose Kratzdistel (Cirsium acaule), Frühlingsfingerkraut (Potentilla verna) oder Dornige Hauhechel (Ononis spinosa).
Wer kennt diese Arten heute noch oder hat sie schon einmal gesehen (abgesehen von einigen Botanikern)? Diese Pflanzenarten sind extreme Stickstoffarmutzeiger, weitgehend aus unseren modernen Wiesen und Weiden verschwunden und nach der Roten Liste Brandenburg gefährdet. Nur noch auf Sonderstandorten wie Bergbaufolgelandschaften oder ehemaligen Truppenübungsplätze wird man nährstoffarme Verhältnisse und damit seltene Flora und Fauna finden. Deshalb sind diese Flächen so wertvoll für den Naturschutz wie beispielsweise die Döberitzer Heide. Aber auch solche Flächen müssen beweidet und/oder gemäht werden, um die Artenvielfalt zu erhalten.
„An der Zusammensetzung des deutschen Grünlandes sind weit mehr als 1000 Arten höherer Pflanzen beteiligt“ (Klapp, [1954:78]). Auf wie viele Arten kommen wir heute im Grünland, beispielsweise auf einer tpyischen Pferdeweide? Also auf unserer Weide dominieren die Nährstoffzeiger wie Brennnessel (Urtica dioica), Stumpfblättriger Sauerampfer (Rumex obtusifolius), Glatthafer (Arrhenatherum elatius), Landreitgras (Calamagrostis epigejos), Löwenzahn (Taraxacum officinale agg.) oder Kanada-Goldrute (Solidago canadensis).



Deshalb bin ich immer wieder erstaunt, wenn nett gemeinte Tipps lauten, dass man auch mal düngen muss. Nein, im Gegenteil, man muss die Flächen aushagern, also mähen (nicht mulchen!) und beweiden, um immer wieder die oberirdische Biomasse abzuschöpfen und gegen die allgemeine Eutrophierung der Landschaft anzukämpfen.
Denn bei eutrophen Verhältnissen werden einige wenige Pflanzenarten dominieren, einfach weil sie sehr konkurrenzstark sind. Eine Kuhschelle würde sich natürlich auch über viel Nahrung freuen, aber sie ist konkurrenzschwach und an den Sonderstandort Trockenrasen angepasst, an dem eine Brennnessel „verhungern“ würde. Wie alle Hahnenfußgewächse ist die Kuhschelle giftig und wurde vermutlich in früheren Zeiten vom Weidevieh gemieden bzw. regelrecht freigestellt.
So wie auch beispielsweise das Katzenpfötchen (Antennaria dioica) heute vom Aussterben bedroht ist und ich zwar die Ehre hatte mit einem Botaniker einen der letzten bekannten Standorte in Brandenburg aufzusuchen, aber leider ohne Erfolg – auch dieses Vorkommen scheint erloschen zu sein.
Klapp [1954:344] schrieb: „Auf Magerweiden finden sich zahlreiche bodennahe Rosettenunkräuter: auf Trockenrasen die Stengellose Distel (Cirsium acaule) und die Silberwurz (Wetterdistel, Carlina aucaulis), auf Mager- und Ödlandweiden Habichtskräuter (besonders Hieracium pilosella, und Ferkelkräuter (besonders Hypochoeris radicata), auf Heiden Katzenpfötchen (Antennaria) und Bergwohlverlei (Arnica). Bei extensiver Nutzung sollte man sie gewähren lassen, bei Intensivierung von Düngung und Nutzung treten sie rasch zurück.“
Es gab eine Zeit, in der die Mineraldüngung ein Segen war, aber das Pendel ist zu sehr in eine Richtung ausgeschlagen – Heute wird es Zeit umzudenken.
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