In entsprechenden Foren oder Gruppen der social media wird häufig die Frage nach der richtigen Einsaat für Pferdeweiden gestellt. Dabei lässt sich oft an den Antworten ablesen, dass sich die Erkenntnis noch nicht durchgesetzt hat, dass Weidelgras kein geeignetes Futter für Freizeitpferde ist. Weidelgras ist zu gehaltvoll für Pferde, die nicht arbeiten und dazu noch sehr gute Futterverwerter sind, vor allem für die Robustrassen unter den Freizeitponys.
Weidelgras ist ein protein- und zuckerreiches Futtergras für Rinder und Pferde, die Leistungen erbringen müssen und ansonsten bildet es den typischen englischen Rasen aus. Schauen wir uns beispielsweise die Zusammensetzung der Pferdeweide Universal an:
15 % Wiesenlieschgras, 5 % Rotschwingel, 5 % Wiesenrispengras, 75 % Deutsches Weidelgras
Weidelgras bildet schnell eine Grasnarbe und sieht schön grün aus, funktioniert aber auf Dauer nur, wenn die Flächen nicht wieder hoffnungslos übernutzt werden und es keine Dürreperioden gibt. Und Kräuter, die der Pferdegesundheit und der Biodiversität gleichermaßen zuträglich wären, sucht man in dieser Mischung vergeblich. Wiesenlieschgras und Wiesenrispengras sind eher für frische Standorte geeignet, eigentlich kommt nur der Rotschwingel für die märkische Streusandbüchse in Frage. Und auch die Zusammensetzung der Brandenburger Pferdeweide hat genau die gleichen Arten, nur weniger Weidelgras und dafür Wiesenschwingel, eine Art der frischen bis feuchten Standorte:
5 % Wiesenschwingel, 20 % Wiesenrispengras, 18 % Wiesenlieschgras, 23 % Rotschwingel, 24% Deutsches Weidelgras
Da muss man sich gut überlegen, ob die Kosten für das Saatgut und die Einsaat im Verhältnis zum gewünschten Ergebnis stehen. Und nur um eine Übernutzung kaschieren zu wollen, halte ich es ohnehin für zwecklos, wenn die Flächen auf Dauer nicht geschont werden können. Da sollte man lieber auf Pioniervegetation setzen, die ist auch schön grün und sicherlich gesünder als Weidelgras. Im Folgenden ein Fotovergleich einer intensiv genutzten Heustelle mit offenem Boden, die sich mit Vogelknöterich, Portulak, Amarant und Weißen Gänsefuss selbst wieder begrünt hat.


Und obwohl ich ein Verfechter von Pioniervegetation bin, habe ich auch schon oft versucht Pflanzen aus Saatgut zu etablieren. Warum? Weil ich den Eindruck habe, dass sich bei uns keine Grünlandarten in der Samenbank befinden. Die Flächen wurden früher als Fichtenplantage und nach ihrer Abholzung (für die Ziegelei in Glindow) vornehmlich als Gartenland genutzt. Danach sind diese Flächen vermutlich brach gefallen und es haben sich Dominanzbestände mit Kanada-Goldrute entwickelt.
Das Ausbringen von Saatgut hat in diesem Fall also den Sinn, die Flächen naturschutzfachlich aufzuwerten und dem Ziel einer artenreichen Pferdenweide ein Stückchen näher zu kommen. Dafür kommt für mich nur standortangepasstes, regiozertifiziertes Saatgut in Frage. Bislang war jedoch noch nie etwas von dem Saatgut aufgelaufen, das ich in den Rillen der Wiesenschleppe oder „von Wildschweinen vorbereiten Stellen“ ausgebracht habe. Die schönen, offenen Wildschweinstellen wurden, inklusive Saatgut schnell von Brennnessel, Graukresse, Beifuß, Rainfarn & co. wieder überwuchert.
Nun hat sich dieses Jahr die Chance ergeben, eine neu einzurichtende Fläche mit ca. 2000qm komplett einzusäen. Eingesät wurde dabei eine regiozertifizierte Saatgutmischung mit einem Kräuteranteil von 30% (siehe unten stehende Artenliste). Dieses Mal wollte ich es richtig machen (lassen), mit kombinierter Saatbettvorbereitung und anwalzen durch einen ortsansässigen Landwirt.



Anfang Juli habe ich den ersten Pflegeschnitt händisch mit Freischneider und abharken des Mahdgutes durchgeführt, weil sich aufgrund des hohen Anteils an Graukresse kein Heu daraus gewinnen ließ. Die Graukresse war natürlich nicht im Saatgut, aber offensichtlich in der Samenbank. Ein bis zwei Pflegeschnitte sind je nach Aufwuchs notwendig, um ungewollte „Ackerunkräuter“ wie Graukresse oder Kanadisches Berufkraut zu minimieren und die Arten im Saatgut zu bevorteilen.



Eine Artenliste der Saatgutmischung im Vergleich zu den Arten, die ich im Juli aufgenommen habe, zeigt, dass bislang nur wenig Pflanzen aus dem Saatgut aufgelaufen sind. Die Pflanzenarten aus dem Saatgut sind grün und die Pflanzenarten, die sich auch etabliert haben sind dunkelgrün markiert. Der Anteil Juli 2023 in Prozent ist dabei eine reine Schätzangabe und die Stickstoffzahl nach Ellenbergs Zeigerwerten (x=indifferent).

Viele Pflanzenarten, die von allein aufgelaufen sind, sind Arten der Äcker und kurzlebigen Unkrautfluren wie Küsten-Kamille, Kanadisches Berufkraut oder Hohe Rauke und Stickstoffzeiger (gelb markiert) wie Brennnessel, Beifuß oder Weißer Gänsefuß.
Ich hoffe, dass spricht für sich, dass es auch Unsinn wäre, zu düngen. Wir haben ohnehin schon eine extrem überdüngte Landschaft und artenreiches Grünland lässt sich nur bei einer Aushagerung entwickeln, weil sonst konkurrenzstarke Arten dominieren. Gefährdete Arten der Roten Liste wie beispielsweise Heide-Nelke, die auch im Saatgut war, sind an nährstoffarme Verhältnisse angepasst und verschwinden bei Überdüngung bzw. werden von den konkurrenzstärkeren Arten verdrängt.
Immerhin habe ich mich über einzelne Wiesen-Margariten und Gewöhnliches Leimkraut freuen können, die ich teilweise beim mähen stehen gelassen habe. „Allerweltsarten“ wie Schafgarbe, Wilde Möhre, Weiße Lichtnelke, Wegwarte oder Spitzwegerich wären vermutlich auch ohne Einsaat gekommen, aber ich heiße sie willkommen. Ich würde mich freuen, wenn noch Heide-Nelke, Wiesen-Flockenblume und Kleine Braunelle auftauchen – vielleicht im nächsten Jahr?
Insgesamt muss man sich auch hier fragen, ob der Input an Kosten, Diesel und Arbeit im Verhältnis zum Ergebnis stehen? Denn der Zweck der Einsaat war eigentlich via Mahdgutübertragung die Weideflächen aufzuwerten, davon muss man jedoch aktuell noch Abstand nehmen und das Mahdgut wegen dem hohen Graukresse-Anteil entsorgen. Immerhin ein paar schöne Blühaspekte gibt es:




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